Die Losungen

...und dazu eine Kurzandacht

Jahreslosung 2019-2

In den vergangenen Wochen haben sich mehrere Gruppen unserer Gemeinde mit der neuen Jahreslosung beschäftigt. Im letzten Newsletter gab es dazu einen Beitrag von Herrn Lederle.
Hier jetzt eine Betrachtung von Pfarrer Breisacher, die er anlässlich des Neujahrsempfangs des ökumenischen Arbeitskreises geschrieben hat:

Ansprache beim Neujahrsempfang

des ökumenischen Arbeitskreises

Sonntag, 6. Januar 2019, 11.30 Uhr in Münstertal

Pfarrer Theo Breisacher

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste, zum neuen Jahr ein paar Gedanken über die neue Jahres­losung: „Suche Frieden und jage ihm nach“.

Zur Einstimmung eine Geschichte zum Thema:

Es war einmal ein König, der seinem Feldherrn den Befehl gab, seinen größten Feind endlich zu vernichten. Wie vom König befohlen, zog der Feldherr mit den Soldaten los.

Doch es vergingen viele Wochen. Kein Lebenszeichen erreichte den König von seinem Feldherrn. Der König wurde immer ungeduldiger und fragte täglich seinen Berater, ob immer noch keine Nachricht eingetroffen sei.

Schließlich befahl der König, dass ein Bote erkunden solle, was geschehen ist. Als der Bote das feindliche Gebiet erreichte und sich dem Lager näherte, hörte er schon von weitem das fröhliche Treiben eines Festes. Er ging in das Lager und fand dort den Feldherrn und seine Soldaten zusammen mit den Feinden des Königs an einem festlich gedeckten Tisch sitzen und ausgelassen feiern.

Der Bote ging zum Feldherrn des Königs und stellte ihn zur Rede: „Was soll das? Bist du noch bei Trost?“, schrie er: „Du solltest die Feinde vernichten und stattdessen sitzt ihr zusammen und feiert?“

Doch der Feldherr blieb ganz ruhig und gab dem Boten zur Antwort: „Kein Grund, dich aufzuregen. Ich werde dir alles erklären. Ich habe den Befehl des Königs sehr wohl ausge­führt: Ich habe unsere Feinde vernichtet! Ich habe sie zu Freunden gemacht!“ –

„Suche Frieden und jage ihm nach“: Ein wunderschönes Motto für das neue Jahr – auch wenn es in diesem Vers nach Arbeit riecht. Denn: Der Wunsch nach Frieden wird mit zwei höchst aktiven Verben in Verbindung gebracht: Wir sollen den Frieden suchen. Und wir sollen dem Frieden nachjagen.

Das klingt anstrengend. Aber: Ich habe darin auch ein Versprechen gefunden. Denn wenn wir den Frieden suchen sollen, dann ist er vielleicht gar nicht weit weg.

Manchmal muss man an ungewohnten Orten suchen, um fündig zu werden. So wie dieser Feldherr: „Ich habe unsere Feinde vernichtet! Ich habe sie zu Freunden gemacht!“ Vielleicht ist der Friede ja gar nicht weit. Man muss sich nur die Mühe machen, ihn zu suchen. –

„Suche Frieden und jage ihm nach“: Es war schon immer einfach, den Feind in der Ferne zu lieben. Viel schwieriger ist es, die Menschen zu lieben, mit denen man täglich zu tun hat.

Es ist ziemlich einfach, sich über Israelis und Palästinenser aufzuregen: Die sollen sich doch nicht so anstellen und endlich einen Weg finden, wie sie zusammenleben können – sagt sich sehr sehr leicht. Hundert­mal schwieriger ist es, den Frieden zu suchen, wenn das Verhältnis zum Nachbarn über den Gartenzaun vergiftet ist.

Es ist immer leicht, über Trump und „seine“ Demokraten zu lästern: Die sollen sich mal nicht so anstellen. Es ist immer leicht, über den Frieden zu reden, wenn der Konflikt weit weg ist. Hundertmal schwieriger ist es, den Frieden zu suchen, wenn man selber direkt betroffen ist. Wenn man seinen „Feind“ jeden Tag sieht. Wenn man selber Kompro­misse machen muss – dem Frieden zuliebe.

Auch wenn es nach Arbeit riecht, liebe Freunde: Lasst uns auf die Suche gehen – in unseren Familien, in unseren Kirchenge­meinden, in unseren politischen Gremien, in unseren Nachbar­schaften, in unseren Firmen: Vielleicht ist der erlösende Ausweg zum Frieden gar nicht so weit weg. Vielleicht ist das lösende Wort ja gar nicht so schwer. –

An der Stelle muss ich noch etwas Persönliches anfügen: Ich habe mich in den Wochen vor Weihnachten sehr über eine Person aufgeregt. Sie kennen die Person nicht. Sie ist auch nicht von hier. Von daher kann ich das hier erzählen. Es ging um grundsätzliche theologische Fragen und ich war der Meinung – und bin es immer noch – dass die Person Dinge vertritt, die ich selber sehr problematisch finde.

Kurz vor Weihnachten erhalte ich eine schöne Weihnachts­karte von eben dieser Person. Was steht drin? „Herzliche Grüße zum Weihnachtsfest und vielen Dank für die Zusam­menarbeit trotz theologischer Unterschiede. Ich hoffe, das wird auch im neuen Jahr so bleiben!“

Um ehrlich zu sein: Diese scheinbar harmlosen Zeilen haben mich getroffen – gerade weil ich mich so über die Person aufgeregt habe. Was soll ich jetzt tun? Was würden Sie mir raten?

Sollen wir dem Frieden zuliebe auf jede theologische Ausein­andersetzung verzichten? Soll ich mein Gewissen verbiegen, nur weil wir alle so hübsch friedlich zusammenleben wollen? Muss ich der Person recht geben, nur um den Frieden nicht zu belasten?

Das kann es ja auch nicht sein. Aber in unseren theologischen Kontroversen trotzdem den Frieden suchen und ein faires Miteinander: Das wird die Aufgabe sein. –

„Suche Frieden und jage ihm nach“: Ein Pfarrerkollege hat zu der Jahreslosung geschrieben, er sei eher der Anglertyp. Nicht so sehr der Jäger. Ich musste erst zweimal hinschauen, bis ich seinen Vergleich verstanden habe.

Aber im zweiten Verb der Jahreslosung geht es tatsächlich um das Jagen. Wir sollen dem Frieden „nachjagen“. Dieser Kollege meinte, er sei eher der Anglertyp: Wenn’s um den Frieden gehe, sitze er lieber am Fluss und hänge die Angel ins Wasser. Vielleicht beißt irgendwann ein Fisch an. Vielleicht auch nicht.

Im Sinne der Jahreslosung helfen die „Anglertypen“ allerdings nicht weiter: Ein Wildschwein fängt man nicht mit einer Angel. Wer ein leckeres Wildschwein-Ragout auf dem Teller haben möchte, der muss diesen schlauen Tieren nachjagen. Der muss sie verfolgen. Sonst bleibt der Teller leer. Der muss Jäger sein.

Und manchmal ist der Friede ja wirklich wie ein leckeres Wildschwein-Ragout: Wenn es auf dem Teller ist, sind alle happy. Wenn wieder der Friede einkehrt nach einem längeren Streit, sind es immer beglückende Momente.

Aber: Von alleine springt das Wildschwein eben nicht in die Küche. Man muss ihm nachjagen. Und manchmal alle Kräfte darauf konzen­trieren. Sonst wird nichts aus dem guten Ragout. –

Liebe Gäste, zum Schluss noch ein Trost gerade für diejenigen, die über diesem Suchen und Nachjagen müde geworden sind. Wenn man das jahrelang hört, wir sollen uns für den Frieden einsetzen. Wir sollen „Friedensstifter“ sein im Sinne Jesu. Dann kann das ja auch müde machen – obwohl das natürlich alles völlig richtig und wichtig ist.

Gerade den Müden unter Ihnen ein Trost zu Schluss: In dem bekannten Psalm 23 kommt nämlich genau das gleiche Wort vor.

Das Hebräische Wort in der Jahreslosung, dass wir dem Frieden nachjagen sollen, steht auch in dem Psalm „Der Herr ist mein Hirte“ ganz am Ende – aber in einem anderen Zusammenhang: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

Wörtlich: „Gutes und Barmherzigkeit werden mich verfol­gen“: Auch wenn wir uns in unserem Streit verrannt haben, auch wenn wir keine Kraft mehr haben, schon wieder den ersten Schritt zu machen, auch wenn unsere Friedensbe­mühungen nicht immer von Erfolg gekrönt waren: Gottes Güte verfolgt uns. Gottes Barmherzigkeit verfolgt uns – auch in unserer Friedlosigkeit.

Wenn das kein Trost ist! Gott lässt uns nicht allein in unserem Bemühen um den Frieden! Er gebe Ihnen allen ganz viel Kraft bei der Suche nach dem Frieden. Er gebe Ihnen allen ganz viel Ausdauer in Ihrem Jagen nach dem Frieden.

Und er schenke Ihnen auch im neuen Jahr immer wieder beglückende Momente, wenn der Friede an unerwarteten Stellen gefunden wurde.

 

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!