Glückssache

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Als Jesus (er) aber das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. (Mt. 5, 1-3)
 
Ich sitze an den Vorbereitungen für die Gottesdienste am 1. November in Staufen und Münstertal. Predigttext sind die sogenannten Seligpreisungen im 5. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt. 5, 1-10). Die Seligpreisungen sind einer der zentralen Stellen, an denen Jesus formuliert, was ihm wichtig ist. Was bedeutet eigentlich „selig“?
 
Das erste, was ich entdecke ist: Tut mir leid, lieber Martin Luther: Selig ist nun wirklich eine falsche, für uns heute zumindest missverständliche Übersetzung von dem, was da im Matthäusevangelium auf griechisch wirklich steht. Makarioi steht da: über die Glücklichen redet Jesus. Wörtlich also:
•       Die Glücklichen sind die, die barmherzig sind.
•       Die Glücklichen sind die, die reinen Herzens sind,
•       Die Glücklichen sind die, die Leid tragen
•       Die Glücklichen sind die, die Frieden stiften
 
In dem, was Jesus sagt, geht es ums Glück, um das Lebensglück seiner Jünger, der Menschen, die im folgen – hier und jetzt.
„Jesus setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie …“
– Das Bild aus dem frühmittelalterlichen Evangeliar Ottos III., das ich im Internet entdecke,  ist mehr als 1.000 Jahre alt und trifft doch ganz genau, um was es hier geht.
Es nimmt die Darstellung auf, mit der das Matthäus-Evangelium Jesus als Lehrer „inszeniert“: In der Mitte sitzt Jesus auf einem Thron, gekleidet mit einer hellblauen Tunika und einem roten, an Purpur erinnernden Umhang, dessen herrscherliche Farbe seine Autorität unterstreicht. Auf seinem Schoß liegt ein Buch. Beide Arme mit ihren übergroßen Händen sind ausgebreitet: zum Segen und – vor allem – im Gestus des Redners. Rechts und links um ihn herum: die Jünger – als Zuhörer und erste Schüler. Alles deutet darauf hin: Hier wird Bedeutendes verkündet. Jesus erscheint in der Rolle des Weisheitslehrers, den schon die Antike kannte. Und wie die Weisheitslehrer der Antike verkündet er den Weg zum Leben. Die erste Frage, die dabei von jeher zu beantworten war, ist die Frage nach dem Glück.
 
Alle Menschen streben nach Glück, wir alle wollen glücklich sein (wir können nicht anders). Ganz unterschiedlich kann hingegen die Antwort sein, worin das Glück denn besteht. Auch Jesus gibt eine Antwort auf die Frage nach dem Glück. Die Seligpreisungen sind daher eigentlich „Lebens-Glücks-Wegweiser“, denn sie wollen benennen, worin für Christen und Christinnen der Weg zum Leben besteht.
 
Aber, wird hier nicht etwas Weltfremdes, Entrücktes verkündet? „Seligpreisung“ – Das klingt doch sehr nach Jenseits. Und ebenso: „Himmelreich“. Und „Armut“, „Trauer“ oder „Verfolgung“ erscheinen mir keineswegs als sehr realistische, geerdete und erstrebenswerte Ziele.
 
Was bedeuten diese „Lebens-Glücks-Wegweiser“ für mich in meinem Leben hier und jetzt?. Wie übersetze ich das in mein Leben?. Diese Frage hat sich offensichtlich auch der unbekannte Mönch auf der Insel Reichenau gestellt, der das Bild gemalt hat.
Das Bild ist nämlich zweigeteilt und gibt gerade in seiner unteren Hälfte die Möglichkeit, sich darin wiederzufinden. Die Zuhörer dort sind deshalb auch in Alltags-Kleidung der damaligen Zeit des Mönches gezeichnet. Woher weiß ich das: Hosen und Stiefel waren in der Zeit Jesu in Palästina nicht gebräuchlich, das tragen die Leute in der unteren Bildhälfte aber. Und sie scheinen zu fragen und zu diskutieren: Was bedeutet das, was er sagt?
Welche Menschen nennt Jesus glücklich? Wieder versucht der Buchmaler vor 1.000 Jahren eine Antwort:
 
In der Mitte der unteren Bildhälfte, zwischen den fragenden und diskutierenden Menschen, steht ein grünender Baum mit drei großen Blättern, der an Stamm und Zweigen Knospen treibt. Es geht um das, was einem Leben Sinn und Zukunft gibt – um das was bleibt. Der Baum verbindet das Leben jetzt mit dem ewigen Leben, mit dem Himmel.
Der Baum ist eines der großen Symbole der Bibel: vom Baum des Lebens im Paradies (vgl. Gen 2,8f; 3,22f) über den Baum des Kreuzes (Joh 9,16b–30) bis zu den Lebensbäumen in der himmlischen Gottesstadt, die jeden Monat Früchte tragen und deren Blätter zur Heilung der Völker dienen (vgl. Offb 22,2). In Verbindung mit der Glückseligkeit begegnet das Symbol des Baumes im ersten Psalm, wo es vom Glückseligen heißt: „Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken.“ (Ps 1,3)
 
Um was geht es beim Glück? Bei der Antwort hilft – jedenfalls mir – wieder der Blick auf die Worte, die da genau stehen.
 
Glücklich ist, wer geistlich arm ist. „Ptochoi“ steht da: „Bettler, Almosenempfänger“ heißt das. Glücklich ist, sagt Jesus, wer weiß, dass wir mit leeren Händen vor Gott stehen: wer erkennt, dass er aus eigener Kraft vor Gott nichts vorzuweisen hat und alles von Gottes Gnade empfängt. Wer das weiß, ist bereits im Hier und Jetzt schon ganz nahe bei Gott.
 
So könnten wir jeden „Lebens-Glücks-Wegweiser“ durchgehen, an den Worten entlang. Das wäre vielleicht eine Idee für mehr als eine Predigt. Aber für heute mache ich hier Schluss.
 
Glücklich sein mag mit dem Nachdenken beginnen. Aber es darf dabei nicht stehenbleiben. Wichtig ist am Ende, die „Lebens-Glücks-Wegweiser“ im eigenen Leben auch umzusetzen, sich mit ihnen in Bewegung zu setzen.
Eine gute, lebennahe, praktische Hilfe dazu habe ich in der Vorbereitung gefunden. Sie stammt aus einer Zeitschrift der Heilsarmee (Aus "Kriegruf 4/89" der Heilsarmee). Seligpreisungen für den Alltag, heißen sie:
 
Glücklich sind, die über sich selbst lachen können;
es wird ihnen nie an vergnügter Unterhaltung fehlen.
Glücklich sind, die einen Berg von einem Maulwurfshügel zu unterscheiden wissen;
manche Scherereien werden ihnen erspart bleiben.
Glücklich sind, die imstande sind, sich auszuruhen und auszuschlafen, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen;
sie werden Gelassenheit finden.
Glücklich sind, die zuhören und schweigen können;
sie werden viel Neues dazulernen.
Glücklich sind, die gescheit genug sind, sich selber nicht allzu ernst zu nehmen;
sie werden von ihren Mitmenschen geschätzt werden.
Glücklich sind, die auf den Anruf anderer aufmerksam sind, ohne sich jedoch für unentbehrlich zu halten;
sie werden Freude verbreiten.
Glücklich sind, die Kleines ernsthaft und Ernstes gelassen betrachten können;
sie werden im Leben vorankommen.
Glücklich sind, die ein Lächeln zu schätzen wissen und ein Grinsen vergessen können;
auf ihrem Weg wird die Sonne scheinen.
Glücklich sind, denen es gelingt, befremdendes Benehmen
stets wohlwollend zu deuten;
sie werden zwar als naiv gelten, aber das ist der Preis für die Liebe.
Glücklich sind, die überlegen, bevor sie handeln, und beten, bevor sie überlegen;
sie werden viele Torheiten vermeiden.
Glücklich sind, die den Herrn erkennen können in allen jenen, die ihnen begegnen;
sie haben das wahre Licht, die echte Wahrheit, das echte Glück gefunden.
 
Ich finde, das ist nicht zu schwer, damit kann man anfangen.

Wolfgang Lederle